Unser Blick auf den globalen Wachstumsmotor China

2019-05-09T22:30:38+02:0009. May 2019|

China ist das Mega-Thema dieser Tage. Kein Tag vergeht, ohne dass eine neue Schlagzeile aus dem Reich der Mitte in den Medien auftaucht: „Die neue Seidenstraße kommt“; „Künstliche Intelligenz boomt in China“ oder „Die deutsche Wirtschaft hat Angst vor einem Ausverkauf ihrer Technologie“. Aber was verbirgt sich tatsächlich hinter dem chinesischen Wirtschaftswunder der letzten Jahrzehnte? Ist es überhaupt ein Wirtschaftswunder – oder lassen wir uns von einer prächtigen Fassade blenden?

Als Geschäftsführer eines Investmentfonds und Family-Office ist es eine wichtige Aufgabe, die technologischen Hot-Spots weltweit im Auge zu behalten. Im amerikanischen Silicon Valley werden immer noch wichtige technologische Entwicklungen vorangetrieben, aber in einigen Bereichen greift die chinesische Wirtschaft nach der Führungsrolle.

Der Speed in China ist beeindruckend

In den vergangenen beiden Jahren war ich mehrfach in den chinesischen Tech-Metropolen und konnte einen Eindruck gewinnen von dem gewaltigen Speed der Wirtschaft und dem absolut beeindruckenden Fleiß der Menschen. Der Elan, der von den Machern – aber auch den Mitarbeitern – ausgeht, ist außergewöhnlich. Man spürt den gnadenlosen Willen, etwas zu bewegen. Motivation und Passion sind immer eine wesentliche Basis für Fortschritt.

Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass wir in Deutschland diesen Hunger nicht mehr spüren. Und eine solche Entwicklung ist brandgefährlich. Otto Fürst von Bismarck sagte einmal über Reichtum: „Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt.“ Ganz so schlimm ist es im Deutschland von heute nicht, aber im Zweifel gewinnen Speed und Eifer gegen Work-Life-Balance. Dessen müssen wir uns immer wieder bewusst sein.

China ist immer noch Entwicklungsland

Schauen wir uns erst einmal die Rahmenbedingungen an. Der Fortschritt in China geht mit einem hohen Tempo voran, aber China hat auch viel aufzuholen. „China ist immer noch ein Entwicklungsland, vor dem noch ein weiter Weg liegt, bis es umfassend modernisiert ist“, schreibt der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang vor wenigen Wochen in einem Gastbeitrag im Handelsblatt. Bei dieser Aussage schwingt sicher auch ein wenig Understatement mit, aber es trifft den wahren Kern. Derzeit liegt das Pro-Kopf-Einkommen der Chinesen nur bei einem Viertel des Wertes in der EU.

Die IT-Infrastruktur in China ist aktuell schlechter als in Deutschland. Die gute Ausstattung im Bereich IT und Versorgung konzentriert sich auf die chinesischen Metropolenregionen. In Deutschland verfügen 81% der Unternehmen über einen Breitband-Anschluss, in China sind es aktuell 64%. Die durchschnittliche Daten-Übertragungsgeschwindigkeit ist in Deutschland fast doppelt so hoch wie im fernen Osten. Wir dürfen die Augen zugleich nicht davor verschließen, dass die wachstumsstarken Metropolen wie Shenzen, Shanghai oder Peking inzwischen über eine exzellente IT-Infrastruktur verfügen. Der Mobilfunkstandard 5G ist dort schon bereits im Einsatz, während bei uns noch die Ausschreibung läuft.

China setzt stark auf Elektromobilität

Was sind die großen Trends bei den jungen Unternehmen in China? Bei meinen bisherigen Besuchen habe ich die Themen Elektromobilität, Künstliche Intelligenz (AI) und E-Commerce als vorherrschend kennengelernt. China setzt sehr stark auf Elektromobilität. Die Zulassungen sind 2018 gegenüber dem Vorjahr um 68% gestiegen. Der Anteil der E-Autos an den zugelassenen PKWs liegt schon bei 4,5%. Rund 2,5 Mio. Elektroautos soll es 2022 in China geben. Wichtig zu wissen ist zudem, dass 95% Prozent der in China verkauften E-Autos von einem chinesischen Hersteller stammen. Dieser gewaltige Markt ist also fest in chinesischer Hand. Das Reich der Mitte rückt beim Thema Elektromobiltät in die Mitte des Interesses. Und im Zentrum der Mobilität holt man sich die Ideen

Deutsche Autos bieten viel Tech und Blech aber wenig Software, während in China eher die Software im Vordergrund steht. Wichtige Auto-Produzenten in China sind unter anderem BYD, Geely, Yudo oder WM Motor. Das Unternehmen Geely durfte ich bei einem Besuch selbst kennenlernen. Das Unternehmen hält fast 10% von Daimler und möchte seine Anteile noch weiter ausbauen. Deutsche Autobauer und Zulieferer genießen in China unverändert ein hohes Ansehen. Insofern bietet sich hier eine solide Basis für eine Zusammenarbeit.

 Gesamtkunstwerk Mobilität

Eine wichtige Säule für die Elektromobilität in China bietet die Batterietechnologie. In sehr vielen High-Tech-Geräten arbeiten moderne Batterien: Elektro-Autos, Smartphones, Tablets, mobile Roboter, etc. Nach einhelliger Aussage vieler Experten haben chinesische Unternehmen bei Batterien die Nase vorn. Und die Entwicklungen werden mit einem hohen Tempo vorangetrieben. Ich bezweifle stark, dass dieser Vorsprung in Europa noch aufzuholen ist. Hier droht aufgrund von Fehlentscheidungen in Unternehmen und Politik zukünftig eine starke Abhängigkeit.

In den chinesischen Metropolen wird die Mobilität sehr clever als eine Art Gesamtkunstwerk geplant. Moderne Antriebstechnik, neue Batterien, High-Speed-Internet mit einer intensiven Vernetzung aller Komponenten und durch künstliche Intelligenz miteinander verbunden. Die Mobilität der Zukunft wird gerade in China entwickelt. Diese Megacities sind quasi überdimensionale Labors für die neuesten Entwicklungen.

Große Datenbasis für KI-Systeme

Im Bereich der künstlichen Intelligenz habe ich bei meinen Besuchen in China erlebt, dass sich die Entwicklungen auf Medizintechnik, Robotik und Gesichtserkennung konzentrieren. Aufgrund der Größe des Landes gibt es eine sehr große Datenbasis. Und die Menschen in China haben wenig Scheu davor, Daten von sich preiszugeben. Auf diese Weise wächst der Datenpool kontinuierlich. Die Systeme werden kontinuierlich genauer und schneller. Experten gehen davon aus, dass 30% der weltweiten Daten 2030 in China gespeichert sein werden.

Großer Hunger auf Daten in China

Beim E-Commerce hat sich China frühzeitig vom restlichen Internet abgekoppelt und somit optimale Bedingungen für die Entwicklung eigener Unternehmen geschaffen. Globale Riesen wie Amazon, Facebook oder Google finden in China einfach nicht statt. Stattdessen gibt es Alibaba (Online Handel), Baidu (Suchmaschine) und Tencent (WeChat) – mit einer vergleichbar dominanten Marktposition. Der Unterschied in China gegenüber anderen Ländern liegt in der stärkeren Nutzung von Mobile Devices. 772 Mio. Chinesen nutzen im Jahr 2017 bereits Smartphones, zwei Drittel davon erledigen die meisten Bezahlvorgänge damit. Chinesen sind aktuell dreimal so lange täglich im mobilen Internet unterwegs wie Menschen in Deutschland. So wird klar, wie groß dieser Markt ist und er wächst beständig weiter.

Was müssen wir in Deutschland zukünftig tun?

Aus meiner persönlichen Sicht ist Kooperation wichtiger als Konfrontation. Selbstverständlich gibt es in China Nachbesserungsbedarf beim Schutz geistigen Eigentums und beim Marktzugang für ausländische Unternehmen. Aber dennoch sollte eine intensive Zusammenarbeit – gerade im Bereich Forschung und Entwicklung – angestrebt werden. Besonders die Partnerschaft mit Start-ups und offenen Innovationsplattformen birgt Mehrwert. Es hat sich gezeigt, dass deutsche Firmen in China profitieren, wenn sie dort Innovationen fördern. Für uns alle gilt zudem, dass wir unser Wissen über China verbessern müssen. Auch die Einführung von Chinesisch als Fremdsprache an den Schulen halte ich für sinnvoll.

Von Thomas R. Villinger, CEO ZFHN